Warum meditieren wir überhaupt? Aus buddhistischer Sicht, so wie ich es in den vergangenen Artikeln dargelegt habe, meditieren wir, um den Kreislauf von entstehenden Geistesgiften (hauptsächlich Gier, Hass und Verblendung), aus denen dann Karma und Leid entsteht, zu durchbrechen. Eine vollständige Lösung innerhalb dieses Kreislaufs gibt es nicht; sie kann immer nur vorübergehend sein. Um aus dem Kreislauf auszubrechen, also zu erwachen, brauchen wir einen starken Willen und geschickte Methoden; und das liefern uns die verschiedenen Meditationsarten.
Chih-I gab in seinem Buch „Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen“ genaue Anleitungen bezüglich der Meditationen des ruhigen Verweilens (sk: Shamatha) und der höheren Einsicht (sk: Vipashyana). Er legte das Dharma anhand der klassisch indisch buddhistischen Formel „die sechs Tore“ dar und beschreibt damit eine Praxis des Mahayana Buddhismus für Menschen auf den Bodhisattva-Weg, die die volle Erleuchtung erlangen wollen.
Alle buddhistischen Meditationen haben Shamatha und Vipashyana als Grundlage. Wir brauchen in der Meditation sowohl geistige Ruhe als auch eine Realisation der Weisheit durch analytische Kontemplation.
Die sechs Tore sind: Zählen, folgen, stabilisieren, kontemplieren, drehen und reinigen.
Chih-I beleuchtet die Tore von vielen verschiedenen Seiten, so ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten der Meditation; alles Hilfsmittel, um auf dem Weg weiter voran zu schreiten.
1. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen in Beziehung zum Aufsaugen des Dhyana.
2. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen in Teilen von schrittweiser Entwicklung.
3. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen in Übereinstimmung mit der Brauchbarkeit.
4. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen als Mittel zur Gegenmaßnahme.
5. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen in Teilen wechselseitiger Beziehungen.
6. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen in Teilen von Gleichheit und Unterschiedlichkeit.
7. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen in Übereinstimmung mit der umgedrehten Ausrichtung
8. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen zur Kontemplation des Geistes.
9. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen in Beziehung zur perfekten Kontemplation.
10. Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen in Übereinstimmung mit den Zeichen der Realisation.
Es würde hier zu weit führen, alle Meditationen im Detail zu erklären – das gehört auch gar nicht hierher, sondern ist Teil der Ausbildung in der Tendai-Meditation.
Ein Beispiel sei hier aber angefügt:
Chih-I Kapitel 2:
Die sechs Dharma-Tore zum Erhabenen in Teilen von schrittweiser Entwicklung.
(Das Kultivieren der Sechs Tore Teilen von schrittweiser Entwicklung.)
Das teilweise Erscheinen, wobei jedes das andere begünstigt, dient als Sequenz von Schritten, die zu unserem Eingang in den Pfad führen. Wenn wir geschickt die sechs Dharmas kultivieren, während wir uns im Bereich der Leidenschaften befinden, dann, unter Perfektionieren des gereinigten Geistes Verbunden mit den sechs Toren, werden wir nicht nur direkt die stabile Ebene, bekannt in allen drei Fahrzeugen, entwickeln, wir werden zusätzlich erfolgreich alle Dhyana Samadhis perfektionieren.
Zählen
A.
Dieser Prozess hat gewisse innewohnende Unterschiede zu dem vorangegangenen Kapitel. Wieso ist das der Fall? Nimm zum Beispiel das „Zählen“. Hier unterscheiden wir zwei Kategorien: Die erste besteht aus dem „Kultivieren“ des Zählens, worin die zweite die „Realisation“ des Zählens beinhaltet.
1. Kultivieren:
Für das Kultivieren des Zählens reguliert und harmonisiert der Übende die Atmung, so dass sie weder zu rau noch zu subtil ist. Man übt auf eine gelassene Art weiter, zählt langsam von „eins“ bis „zehn“. Man fokussiert den Geist auf das Zählen und erlaubt ihm nicht herum zu wandern und sich zu verstreuen. Dies bedeutet, das Zählen zu „kultivieren“.
2. Realisation:
Für das Realisieren des Zählens, ist der Geist durchtränkt von der Gewahrseinsübung das Zählen von „eins“ bis „zehn“ zu kontrollieren. Ohne weitere Anstrengungen in das Zählen zu legen, verweilt der Geist in den gegenwärtigen Gegebenheiten, die mit dem Atem verbunden sind.
Wenn man sich dessen gewahr wird, dass der Atem substanzlos und schwach geworden ist, wird der Geist gleichzeitig allmählich subtiler. Anschließend wird einem klar, dass das Zählen eine grobe Aktivität geworden ist. Der Geisteszustand ist dann so, dass man keine Lust mehr hat, sich mit dem Zählen zu beschäftigen. Genau dann, soll der Übende das Zählen loslassen und fortfahren das „Folgen“ zu kultivieren.
Damit schließe ich die Artikel-Reihe über das Dharma von Chih-I. Das Tendai besteht nicht nur aus Shamatha und Vipashyana Übungen. Reines Land Amitabha Praxis und das Geheime Mantra (jp: Mikkyo) sind ebenso darin enthalten.
Das, was in der buddhistische Übung allen anderen Übungen voran geht, ist die Zufluchtnahme zu Buddha, Dharma und Sangha. Darüber mehr in einem meiner nächsten Artikel.
Du bist ja unermüdlich! Deine Ausführungen sind sehr ausführlich, für mich allerdings schwer zu begreifen. Aber das muss ich ja vielleicht auch nicht.
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende!
Elvira
Ja, ich weiß. Ich wollte aber mal durch, durch die Theorie. Jetzt ist es vorbei, glaub ich
Dir auch ein schönes WE
Christian